Hinter den ungarischen Karpaten, zwischen Ukrainien und Georgistan liegt, an einem längst vergessenen Nebenarm der Moldau, Molwanîen. "Land des schadhaften Lächelns" nennt es der höchst empfehlenswerte und überhaupt einzige Reiseführer zu Molwanîen. Die Hauptstadt der inzwischen teilautonomen sozialistisch-kapitalististischen Republik war, bis zum Militärpustsch im Jahre 1948, Molva. Hier wurde Pavel geboren, im Stadtteil Molva Brod., in einer kleinen Hütte nahe dieser Kolchose:

Gehen wir etwas spazieren in Molva. Hier beispielsweise eine prächtige Straße mit dem Wahrzeichen Molvas. Hat 2800 Zimmer: das Molva Grand Hyatt:

Auch beschauliche Ecken gibt es, hier der Gemüsemarkt am Ostbahnhof Molvas. Landwirtschaft, Gemüseanbau und traditionelles Handwerk sind noch immer die Säulen der Molwanischen Wirtschaft. Molwanierinnen mit den Früchten ihrer Arbeit:


Eine junge Schönheit auf dem Wochenmarkt zeigt das beliebte Zementbrot, durch extra viel Kartoffelstärke, Reis und Weizen ist eine knüppelharte Köstlichkeit. Jedoch nur mit 100% gesundem Gebiss genießbar. Praktisch: es kann als Teller genutzt werden und ist sogar spülmaschinenfest:


Die Molwanier an sich sind gesellige Leute. Es gibt Frauengeselligkeiten, Kindergeselligkeiten und Männergeselligkeiten. Die Männer zeigen sich niemals gemeinsam mit den Frauen, so zum Beispiel in Molvas Klub-der-verdienten-Arbeiter-des-Volkes-von-1974.

Soziale Fürsorge ist für jeden Molwanier nicht nur patriotische Pflicht, sondern ganz selbstverständlich. Wie in diesem Cherzensort, wo man für wenige Molveken eine warme Mahlzeit bekommt und, wer die Tageslosung kennt, ein schadhaftes Lächeln gratis dazu:


Weniger lauschig geht es bei der Molwanischen Bahn zu. Denn auch sie spürt die zunehmende Rezession, wie alle ehemaligen sozialistischen Bruderstaaten. Längst fällige Investitionen lassen auf sich Warten, Bahnhöfe und das Streckennetz verfallen. Wachoffizierposten vor dem Hauptbahnhof von Molva:


Geschichtsträchtiges Molva: das Gènneral-Strelnikoff-Memorialsk-Muszeum. Leben und Wirken des großen Molwanischen Sohnes können Besucher am Rande des Molvaer Hauptbahnhofs erleben.

Jurjyi Andropowicz Strelnikoff, geboren 1878 als 11. Kind von Tagelöhnern in Molva, war zunächst Oberbremser bei Molvaskya Tram und wechselte im Jahr 1900 zur Transsibirischen Eisenbahn. Der oberste Sowjet berief ihn im Jahr 1919 zu deren  Generalinspekteur für die politische Gesinnung. Sein messerscharfer Verstand und unbeugsamer Wille ließen ihn bald zur Moskauer Parteigröße aufsteigen. Von 1936 bis 1978 war Strelnikoff Minister für Technik, Entwicklung und innere Sicherheit. Seine Inspektionsreisen waren gefürchtete Säuberungsaktionen, auch lange noch nach Stalins Tod. Hunderttausende schickte Strelnikoff in den sicheren Tod. Trotzdem verehren die Menschen noch heute Den General, wie ihn Volkes Seele nennt. Bei einem Zugunglück kam Strelnikoff im Alter von 106 Jahren ums Leben. Seither gilt er als Märtyrer der Bahn und wird von Reisenden als Schutzheiliger angerufen:

"Heiliger Jurjyi von Molva / bitte für uns arme Sünder
Schenke dem Heizer kräftige Arme /und uns eine sichere Überfahrt! / A' mähn".


Das Museum zu Ehren Strelnikoffs installierte der Staat Molwanien in dem liebevoll restaurierten Salonwagen seines Privatzuges. Im November 1989 hatten den Zug revolutionäre Kräfte geplündert und zerstörten, was der Zahn der Zeit übrig gelassen hatte. Das Museum ist jedoch mangels Geld für Aufsichtspersonal nur am Todestag des Generals geöffnet. Dieser fällt aus organisatorischen Gründen immer auf den letzten Sonntag im November. Auch wetterbedingt, denn zu dieser Zeit ist es durchschnittlich mit nur minus 15 Grad recht mild in Molva. Der Museumsverein Molva bietet Besuchern "kleine Dampfloks" (geräucherte Gemüse vom Grill) an und eine kaum zu bezahlende Delikatesse: "Die Augen des Generals" (frittierte Adleraugen). 
Grund für die Plünderung des Zuges war sicher auch die Decke des Salonwagens. Denn sie zierte eine Karte des sowjetischen Eisenbahnnetzes. Die Lage von Bahnhöfen und der wichtigsten Parteizentralen war auf massiven Goldplatten mit 20.000 Diamanten und 50.000 Rubinen dargestellt. Das schon zu Sowjetzeiten umstrittene Kunstwerk - Strelnikoffs Salonwagen zierten 10.000 Rubine mehr als den des Generalsekretärs - gilt als verschollen. Der berühmte "Waggon rouge" war in den 1920er Jahren bei der Kasseler Firma Credé extra für Strelnikoff angefertigt worden. Er kostete damals 20 Millionen Reichsmark. Kassel erhielt außerdem den Titel "westlichste Heldenstadt der Sowjetunion".

Poesie des Verfalls: das Dach der Bezirkspolitoxikomaklinik in Molva Brd gibt den Blick frei in den von Schadstoffen angereicherten Himmel. Neuerdings lässt die Regierung sogar Formaldehydaroma zersteuben, damit es so riecht wie früher. Hintergrund ist die zunehmende Beliebtheit westlicher Reinigungsmittel bei den jüngeren Leuten. Die damit verbundenen neuartigen Düfte beleidigen jedoch die Nasen patriotischer Molwanier.


Fortsetzung folgt, vielleicht.